Durch die Corona-Krise sind Menschen gezwungen, zu Hause in der Familie zu bleiben, dazu kommen viele Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Die Niedersächsische Frauenministerin Dr. Carola Reimann und der WEISSE RING e.V. befürchten dadurch eine Zunahme an häuslicher Gewalt. Daher appellieren beide auch an das Umfeld, wachsam zu bleiben!

„Unsere Opferhelfer kennen das von Festtagen wie Weihnachten: Wenn die Menschen tagelang zu Hause sind, gehen die Fallzahlen in die Höhe. Die Kontaktsperre wegen Corona dauert aber sehr viel länger als Weihnachten, die Stressfaktoren sind auch größer“, sagt Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des WEISSEN RINGS. Nachdem sich in China in der Zeit der häuslichen Quarantäne die Hilfegesuche von Gewaltopfern verdreifacht haben, befürchtet der WEISSE RING nun auch für Deutschland, dass mit den Maßnahmen zum „Social Distancing“ Tausende Gewaltopfer den Tätern ausgeliefert sind. Die Gewalt geschieht jetzt – sichtbar wird sie aber erst, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind. Das zeigen die Erfahrungen der Opferhelfer nach den Weihnachtstagen: Betroffene melden sich nicht, solange sie mit den Tätern auf engem Raum zusammensitzen.

Häusliche Gewalt ist leider Alltag

Häusliche Gewalt ist auch in „normalen“ Zeiten in Deutschland alltäglich: Mehr als 140.000 Fälle wurden 2018 bei der Polizei angezeigt – statistisch wird demnach knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Die Dunkelziffer ist allerdings erheblich, der WEISSE RING geht insgesamt von mehr als einer Million Fälle pro Jahr aus. In diesem Jahr könnten es wegen der Corona-Maßnahmen deutlich mehr Opfer werden.

Das Umfeld ist gefragt!

„Isolation und zusätzliche Stressfaktoren wie Enge, finanzielle Nöte und Zukunftsängste können vermehrt zu Gewalteskalationen führen“, betont auch die Niedersächsische Frauenministerin Dr. Carola Reimann. „In solchen Ausnahmesituationen kann es leider passieren, dass schon bestehende psychische Gewalt und Unterdrückung in handgreifliche Gewalt ausufern.“ Sie appelliert auch an die Nachbarn im Umfeld: „Seien Sie bitte wachsam, hören Sie nicht einfach weg, greifen Sie zum Telefonhörer, rufen Sie die Polizei!“

Hilfe per Telefon, E-Mail oder Online

Das gesamte niedersächsische Gewaltschutzsystem für Frauen steht auch in Zeiten der Corona-Krise weiterhin zur Verfügung. Die 44 Gewaltberatungsstellen sind telefonisch und per E-Mail erreichbar und bieten zum Teil auch Online-Beratung an. Die 42 Frauenhäuser nehmen gewaltbetroffene Frauen auf. Ausnahme sind unter Quarantäne stehende Frauen, hier muss konsequent das Gewaltschutzgesetz durch die Polizei angewandt werden und der Täter der Wohnung verwiesen werden. Das bundesweite Hilfetelefon ist Tag und Nacht erreichbar: 08000 116 016.

WEISSER RING ist ebenfalls erreichbar

Auch der WEISSE RING ruft Familienmitglieder, Nachbarn und Bekannte zu besonderer Achtsamkeit auf. Die Opferhelferinnen und Opferhelfer der Außenstelle im Landkreis Harburg sind auch während der Corona-Krise erreichbar:
Telefon: 0151 551 647 33, E-Mail: karl-heinz-langner.wr@ewe.net oder online: harburg-kreis-niedersachsen.weisser-ring.de.
„Die Opferhelfer kennen mögliche Anlaufstellen vor Ort wie Frauenhäuser oder Schutzräume, sie können finanzielle Hilfen geben, um Flucht zu ermöglichen. Und ganz wichtig: Rufen Sie in einer akuten Gefahrensituation die Polizei unter 110″, so Zierke.

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